Es braucht Bewegung von beiden Seiten
Derzeit stehen sich zwei harte Fronten gegenüber: die, der Menschen, die Sensibilität nicht nachvollziehen können (aus welchen Gründen auch immer, das steht nicht zur Diskussion) und den Sensiblen bzw. Hochsensiblen.
Es wird nach wie vor nicht anerkannt, dass es Menschen gibt, die nur ungern den coolen Macker heraushängen lassen und sich lieber mit Dingen beschäftigen, die auf andere suspekt wirken. Die Folge ist laut und ungefragt geäußerte, diskriminierende Kritik.
Sensible wissen sich aber nicht anders zu helfen, als andere für ihr Leid verantwortlich zu machen.
Beides ist inakzeptabel. Beide Meinungen setzen voraus, dass die Gegenseite auf einen selbst zukommt. Es wird also noch lange dauern, bis auch der Letzte in Deutschland begriffen hat: Was ich von anderen will, muss ich erstmal selbst geben können.
Dabei schenken sich beide Seiten nichts. Zurückzuführen ist das zum Einen auf die Unbeweglichkeit des Menschen: Was er nicht kennt, das akzeptiert er nicht und seinen Erwartungen, so akzeptiert zu sein, wie er nunmal ist.
Von beiden Seiten braucht es da mehr als nur Vorwürfe. Die Sensiblen dürfen nicht die Konfrontation scheuen und müssen mehr Verständnis dafür entwickeln, dass die Gesellschaft bisher in ihrem eingefahrenen Trott gelebt hat und "nur" auf Grund von verletzten Gefühlen sich nicht gezwungen sieht, ihre überalterten Vorurteile zu überdenken. Gleichzeitig müssen sie akzeptieren, dass es viele verschiedene Meinungen gibt und sie mit jeder einzelnen, ob gut oder schlecht, leben lernen müssen.
Mensche, die keiner hohen Sensibilität ausgesetzt sind, müssen sich klar machen, dass ihre Wahrnehmung ihre eigene ist und nichts darüber aussagt, wie andere Menschen leben, fühlen und denken. Sensible müssen nicht zwangstherapiert werden, sie sind keine Mimosen und auch keine Sensibelchen. Dieser Blödsinn dient lediglich dazu, sich nicht mit einem vielschichtigen Menschen befassen zu müssen. Der Mensch ist nunmal von Natur aus faul.
Beide müssen zwingend an sich arbeiten: Die einen müssen selbstbewusster auch sich selbst gegenüber auftreten, die anderen müssen sich in Taktgefühl üben.
Es geht hier um Respekt und Toleranz, um Unvoreingenommenheit und Rücksicht, um Verantwortung anderen gegenüber und um die Notwendigkeit zur Differenzierung.
Mir ist klar, dass diese Werte ebenso uncool sind, wie die Sensibilität. Aber ich lege dagegen nicht viel Wert auf Coolsein. Ein Mensch besteht nicht nur aus Lässigkeit, Geselligkeit und Sprachgewandheit. Wer also seinen Anspruch an andere darauf begründet, sie haben sich gefälligst zu integrieren, sollte sich selbst einmal fragen, ob er den anderen denn auch entgegen geht und sich nicht nur zurücklehnt.
Das ist nicht Ihr Problem? Doch, das ist es. Denn wer Ansprüche stellt, muss auch eine Gegenleistung erbringen: Hilfestellung. Integration ist, wie wir bereits umfangreich erfahren haben, nicht nur eine Bringschuld.
Sehr sensible Menschen sollten sich nicht zurückziehen, weil sie offenbar "nicht gesellschaftsfähig" sind. Der erste Schritt, sensibel und trotzdem integriert zu sein, liegt darin, die eigene Persönlichkeit zu akzeptieren.
Des Deutschen liebste Eigenschaft ist es nämlich, alles und jeden für seine Lage verantwortlich zu machen und das ist allen Gesellschaftsschichten gemein. Dass es so nicht funktionieren kann, scheint sich aber noch nicht durchgesetzt zu haben.
Ich bin davon überzeugt, dass sich die Sensibilität allen bösen Verurteilungen zum Trotz durchsetzen wird. Denn sensibel, das ist mehr oder weniger jeder Mensch, auch der dumpfeste Klotz aus Hintertupfingen, aber auf eine Art und Weise, die nicht nachzuvollziehen ist, wenn keine Erfahrung vorliegt und da liegt der Hase im Pfeffer: Dass wir alle nur anerkennen, was wir kennen. Alles Unbekannte wird verneint. Dass sich bisher nur die 10 Prozent der hochsensiblen Bevölkerung zu Wort melden, liegt daran, dass alle anderen weniger Schwierigkeiten mit der allgemeinen Akzeptanz hatten und sich daher weniger angesprochen fühlten.
Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sich immer mehr Menschen dazu bekennen, dass Sensibilität auch in ihnen steckt und diese nicht verstecken werden.
Wahrlich, keiner ist weise
Der nicht das Dunkle kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
H. Hesse